Candidate Centered Design

Dem Talent im Bewerbungsprozess die Krone aufsetzen


Skalierbare Geschäftsmodelle, schlanke Prozesse und vor allem Schnelligkeit sind die Grundprinzipien unserer heutigen Wirtschaftswelt. Unternehmen orientieren sich noch immer maßgeblich diesen Zielen. Mit solchen Vorgaben wurden auch die Prozesse im Personalbereich in den letzten Jahren immer weiter Richtung Standardisierung getrimmt. Möglichst effizient und an der „Best Practice“ orientiert. Wie sich der Bewerber in diesem Prozess fühlt, ist für das Unternehmen leider relativ unwichtig. Da stellt sich die Frage: Wie können es Unternehmen schaffen, einen Bewerbungsprozess so zu gestalten, dass sich der Bewerber als König fühlt?


Der Bewerbungsprozess als Visitenkarte des Unternehmens

Unternehmen sollten umdenken: Mit dem Bewerbungsprozess gibt das Unternehmen seine Visitenkarte ab. Und hier gilt:

Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance!

Das beginnt schon auf den Webseiten vieler Firmen: Die Informationen zu Job und Arbeitgeber sind knapp und unklar, zu einem konkreten Ansprechpartner muss man sich durchfragen, der Bewerber wird mit ellenlangen Fragebögen und mit einer unpraktischen Upload-Funktion getriezt. Das Ergebnis: Teilweise über 50% von Abbrüchen im Bewerbungsverfahren. Und damit ein großes ungenutztes Bewerberpotential.

Hat das Talent sich davon nicht abschrecken lassen, folgt in der Regel das erste Bewerbungsgespräch. Hier hört sich der Bewerber häufig zunächst einen Monolog der Selbstdarstellung an. Will man sich doch heute im Kampf um die besten Talente gut darstellen. Doch auch das bleibt nicht unbemerkt:

Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 glauben 68% (!) aller Bewerber, dass die Unternehmen im Bewerberungsprozess flunkern.

Standardisierte Fragen zur Person, zu Lücken im Lebenslauf sowie zu Stärken und Schwächen lassen den Puls der meisten Bewerber nicht mehr steigen. Denn diese Fragen werden seit so vielen Jahren gestellt, dass es dazu in der Literatur etliche Werke gibt, mit denen man sich auf jede dieser Standardfragen perfekt vorbereiten kann.

Schwarzmalerei?  – Nein! Alles zu spät? – Nein! Und das ist das Gute daran!

Bewerber wollen keine Standardisierung mehr

Das bedeutet nämlich, dass es oft schon positiv auffällt, wenn nur einige wenige Dinge im Bewerbungsverfahren anderes sind als bei der breiten, standardisierten Masse. Grundsätzlich gilt heute:

Wer sich auf heute auf den Bewerber und seine Bedürfnisse einlässt, gewinnt die Talente von morgen.

Um den Bewerbungsprozess von der anderen Seite her zu denken, hält die agile Arbeitswelt mehrere perfekt geeignete Methoden parat. Eine davon ist Design Thinking, das Entwickeln von Lösungen aus den Bedürfnissen der Anwender heraus. Auf diesem Weg gelangt man zu den Fragen, die den „Kunden“ wirklich interessieren: Was erwartet der Bewerber an Informationen in der Anzeige, was will er von der Karriereseite der Homepage wissen? Welche Daten und Unterlagen muss er direkt bei der Bewerbung liefern, welche erst später und wie sieht der einfachste Weg dafür aus?

Das Ergebnis dieser Bemühungen sich voll auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kandidaten einzulassen, nennen wir „Candidate Centered Design“ – ein nutzerzentrierter Aufbau der kompletten „Bewerbungs-Reise“ des Kandidaten, der eine bestmögliche „User Experience“ ermöglicht.

Einige Unternehmen haben diesen Kundenblick schon teilweise umgesetzt: Während das Anschreiben früher als Fleißarbeit zu jeder Bewerbung gehörte, verzichten große Konzerne medienwirksam bei bestimmten Bewerbergruppen auf diese Art der Selbstdarstellung. Andernorts werden Bewerbungen mit einem Klick oder direkt aus der Social-Media-App getestet. Auch Personalreferenten gewöhnen sich langsam daran, Kommunikationskanäle dort anzubieten, wo sich der Bewerber tummelt – sei es Xing, LinkedIn oder Facebook.


Zusammenfassung

Es zeigt sich: Der Bewerbungsprozess ist keine administrative Pflichtaufgabe, sondern der Aufbau einer aktiven und ehrlichen Beziehung zum Kandidaten. Personalarbeit muss es schaffen, sich wieder mit dem Menschen in Verbindung zu setzen – als Bewerber und später auch als Mitarbeiter. Dabei baut Technik Hürden ab und vereinfacht im besten Fall die Arbeit; Digitalisierung ist aber kein Allheilmittel. Denn in der neuen Arbeitswelt gilt: Weniger Komplexität schafft mehr Raum für Begegnungen mit Herz und Erfolg.

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